Redebeitrag: Gemeinsam gegen Repression, 17.3.2018

Wir sind heute hier, weil wir uns der Repression um den G20-Gipfel gemeinsam und solidarisch entgegen stellen wollen. Wir wollen dem oft zitierten Spruch „Es trifft einige, gemeint sind wir alle“ Taten folgen lassen. Es fühlt sich großartig an, mit so vielen Menschen auf der Straße zu sein, sich umschauen zu können und zu wissen: wir begegnen der staatlichen Repression gemeinsam, niemand muss damit alleine umgehen.

Aber warum erzähle ich das hier, ist doch irgendwie eh allen klar, die hier sind – aber gerade deswegen erzähl‘ ich‘s: weil klar ist, weil‘s wichtig und richtig ist und weil es das auch bleiben soll. Ich geh‘ aber noch ’nen Schritt weiter: ich finde wir müssen die Solidarität, dieses Gefühl „ich bin nicht alleine“, weiter tragen, ausdehnen auf alle Bereiche unseres Lebens. Lasst uns gemeinsam den Unzumutbarkeiten des Alltags begegnen, lasst uns voneinander lernen und uns gegenseitig den Rücken stärken.

Und deswegen möchte ich euch eine Gruppe vorstellen, die sich vor gut einem Jahr aufgemacht hat, genau das zu tun: sich gemeinsam gegen die Zumutungen vom JobCenter, der Vermieterin, dem Chef oder den Schreibtischtäter_innen der Ausländerbehörde zu wehren. Die Gruppe heißt „St. Pauli Solidarisch“!

Am Anfang fanden wir uns selbst überflüssig. Warum sollte man eine neue Politgruppe gründen – gerade auf St. Pauli, wo es schon so viel Aktivismus gibt? Warum schließen wir uns nicht einer bestehenden Gruppe an?
So haben wir ziemlich lange hin und her überlegt, bis wir unser Projekt an den Start gebracht haben. Nun treffen wir uns bald seit einem Jahr kontinuierlich, sind mehr geworden und haben es geschafft, einen regelmäßigen Anlaufpunkt zu etablieren.

Viele denken, sie seien mit ihren Problemen alleine. Ungleiche Chancen, strukturelle Diskriminierung, belastende Arbeitsverhältnisse, unsichere Lebensumstände, stressige VermieterInnen und Behörden machen uns das Leben schwer. Es scheint, als stünde man alleine vor einem unüberblickbaren Bürokratiemonster, vor einem übermächtigen Immobilienbesitzer, vor einer gesichtslosen Jobcenter-Maschinerie. Aber wenn man anfängt, darüber zu reden, merkt man, dass man gar nicht alleine ist, sondern dass wir ganz viele sind. Dass die Gründe für die prekäre Situation, in der sich viele von uns befinden, nicht individuell, sondern strukturell sind.
Aber wir können kollektiv dagegen angehen. Das bedeutet auch, gemeinsam subversive Strategien zu entwickeln und kreative Lösungen zu finden.

Niemand fällt als Expert_in vom Himmel. Aber wenn wir uns austauschen und uns gemeinsam Wissen aneignen, können wir Expert_innen werden. Jede und jeder hat Erfahrungen gemacht und weiß irgendetwas. Was wir nicht wissen, finden wir zusammen raus. Wo einem nichts mehr zu einfällt, hat jemand anderes eine gute Idee.

Vielen kommt es abstrakt vor, wie sich kapitalistische Verhältnisse im eigenen Alltag auswirken. Was hat es mit mir zu tun, wenn das Arbeitsrecht reformiert, die Aufenthaltsgesetze geändert, Sozialleistungen gekürzt, das Rentensystem umgebaut wird? Aber plötzlich hat man kein Geld mehr, um die Miete zu zahlen, wird krank oder muss jemanden pflegen, verliert gegen den übermächtigen Arbeitgeber oder sieht sich wegen einer überschrittenen Frist vor Gericht. Die Beispiele lassen sich endlos weiterführen. Wo herkömmliche Beratungsstellen in den Grenzen von Recht und Ordnung gefangen sind, hören wir nicht auf.
Es ist wichtig, frühzeitig solidarische Strukturen aufzubauen, und im Fall der Fälle ein zuverlässiges und parteiisches Netzwerk zu haben. Oft schmieden sich so neue Allianzen, entstehen andere Politformate, die sich von alleine nicht ergeben würden.

Und wie läuft das jetzt konkret?

Wir treffen uns jeden zweiten und vierten Mittwoch des Monats, jede und jeder kann kommen, ob mit oder ohne Anliegen. Wer will, stellt sein Thema vor. Gemeinsam überlegen wir, was zu tun ist.
Wir recherchieren, wir brainstormen, wir tauschen Erfahrungen aus. So entstehen oft verschiedene Möglichkeiten. Die Entscheidung darüber, wie es weitergeht, liegt bei der betroffenen Person. Bei der Umsetzung unterstützen wir zum Beispiel durch Begleitung zum Amt, durch gemeinsames Ausfüllen von Formularen oder auch durch Hausbesuche bei fiesen Vermieter_innen oder andere Aktionen. Beim nächsten Anlaufpunkt kann die Person erzählen, wie es war, wie der aktuelle Stand ist und was es Neues gibt.

Also, lasst uns auch unsere Kämpfe des Alltags gemeinsam führen, kommt am 2. und 4. Mittwoch im Monat um 19.30 Uhr ins Kölibri am Hein-Köllisch-Platz – egal ob ihr auf St. Pauli wohnt oder nicht.

St. Pauli Solidarisch! – Für eine Welt jenseits von Repression, Ausbeutung und Unterdrückung! – United we stand!

Anlaufpunkt

Hast du Ärger mit den Jobcenter, Stress mit der Vermieterin, Probleme mit Behörden oder keinen Plan von der Steuererklärung? Wir wollen unsere Alltagskämpfe gemeinsam angehen und uns dabei unterstützen.
St. Pauli Solidarisch ist der Ort, an dem wir gemeinsam Strategien zum Umgang mit Wohnungsfragen, Ämtern, Aufenthalt, Lohnarbeit und allem, was uns gerade Sorge bereitet, entwickeln. Alle können sich mit ihrem Wissen einbringen und anderen zur Seite stehen.
Das Wissen, das uns fehlt, eignen wir uns gemeinsam an.

Wir treffen uns jeden 2. und 4. Mittwoch im Monat um 19:30 im Kölibri (Hein-Köllisch-Platz 12).
Mitmachen kann jede_r. Sei es ein Mal, regelmäßig oder sporadisch.

Kommt vorbei!